Mini Transat: Christian Kargl über die erste Etappe

28. September 2005 - Christian Kargl ist der einzige deutschsprachige Segler, der bei der diesjährigen Minitransat, der Transatlantik-Regatta der nur 6,50 Meter kurzen Regattaboote, dabei ist (Seglermagazin.de berichtete mehrfach). Kargl schildert die erste Etappe von La Rochelle - Puerto Calero Lanzarote, auf der sein Mini durchgeschüttelt wurde: Der Start zur ersten Etappe nach Lanzarote war ebenso emotional wie die Verabschiedung meiner Liebsten im Hafenbecken. Tausende Schaulustige waren gekommen und säumten die Uferpromenade. Klatschend und winkend wurde jeder Teilnehmer verabschiedet und mit den besten Wünschen begleitet. Streng abgeriegelt von den zahllosen Zuseherbooten starteten die Minis dann um 17:17 Uhr Richtung Fort Boyard, dem geschichtsträchtigen Gefängnis vor Rochefort, ehe es bei NNO Wind nach Südwesten ging.

Kargl auf seinem geschüttelten Mini. (Fotos © Christian Kargl )

Die Bedingungen waren perfekt obwohl schon in den Abendstunden die ersten kleinen Problemchen auftraten. Die Befestigung des Spinnakerblocks am Bugspriet flog bei doch ordentlichen 5 Windstärken davon und bedurfte einer ersten Reparatur in den späten Abendstunden. Es sollte nicht die letzte

Reparatur gewesen sein ...

 

Mit kleinem Spinnaker und Großsegel ging es Richtung Cap Finistere an der

spanischen Küste. Die Idee war, etwas nördlicher der direkten Route zu

segeln um dann bei frischem Ostwind nach Süden zu halten. Die Taktik war gut ... ebenso das Briefing und die Prognose von Wetterberater Alois Holzer!

Guter Dinge ging es weiter ehe in der Nacht der große Spinnaker seine obere

Befestigung verlor und ich mein oberes Spinnakerfall. Dumm gelaufen denn ab nun hatte ich nur noch die Möglichkeit, den Spi bis ca. 6/8 des Mastes nach oben zu ziehen. Die kleinen Katastrophen nahmen nun seinen Lauf ...

 

... der große Spinnaker wickelte sich soooooo oft um das Vorstag, dass ich

ihn nicht mehr frei bekam ? ich musste in den Mast klettern um den Spi zu

befreien (mehrmals im Laufe der ersten 3 Tage)

 

... Der Autopilot verlor beim Festzurren der Fock die Kontrolle über das

Boot ? das Boot kenterte und die Waschmaschine im Inneren des Bootes

hinterließ seine Spuren in Form von Salzwasser auf allen Gegenständen, die

nicht fest und wasserdicht verschlossen waren.

 

... irgendwann fädelte sich trotz Sicherungsknoten auch das zweite

Spinnakerfall aus ? ich konnte keinen Spinnaker mehr setzen. ... ich lief mit aktivierter Notboje "Technisches Problem liegt vor" die Spanische Küste an und versuchte die beiden Fallen wieder in den Mast zu fädeln. Leider was außer einer Kenterung durch ein vorbeifahrendes Fischerboot (die Boote sind bei 12 m langen Masten und nur 45 kg aufrichtendes Moment im Kiel sehr instabil für Klettereinheiten auf hoher See) kein Einfädeln möglich.

 

... nebenbei brach auch die Schraube für den Pinnenausleger, den ich trotz

Reparatur nur einen Tag verwenden konnte. Der Orthopäde wird sich über

meinen krummen Rücken freuen. ... von MacGyver inspiriert konnte ich ein neues Spifall setzen und setzte meinen Weg fort ? dann brach das Vorstag und somit meine Stütze des Mastes nach hinten. So etwas führt bei filigranen Masten meist zum Bruch.

(Aufgeben ist was für Luschis!)

Damit war die Entscheidung klar, auf Sicherheit nach Lanzarote zu düsen und

die Energie für die zweite zu sparen. Das ist allerdings leichter gesagt als

getan. Mit einem kastrierten Boot (kein Spinnaker) noch knapp 800 km zu

segeln um "bloß" ins Ziel zu kommen ist viel weiter als ich mir das gedacht

hab. Irgendwo zwischen Resignation, einer Miniportion Rotwein, Sonnencreme, Sinn-des-Lebens-Gedanken, Tiefschlaf und Monsterwellen durch den noch immer guten Wind findest du dich dann wieder und surfst mit Großsegel und Fock deine 10-12 Knoten die Wellen runter ...

 

Es muss ein ziemlich groteskes Bild von außen sein ?

 

Umso erstaunlicher, dass trotz anderwärtiger Vermutungen ich nicht

vorletzter bin (mit dem Letzten hätte ich noch Funkkontakt gehabt), sondern

immer noch 20 Boote auf dem Weg nach Lanzarote sind.

(Ich bin suuper ;-)

Meteo

Heute haben wir gequatscht, was der Sieger der ersten Etappe wohl erzählt

haben wird: "Hab den Spi nach Fort Boyard in Lanzarote gesetzt, bin ohne

Bruch nach Lanzarote gesegelt und hab den Spi vor dem Hafen von Puerto

Calero geborgen und gewonnen."

So oder ähnlich war es tatsächlich. Die Flotte war "gesegnet" von

Rückenwind. Ab La Rochelle gab's beständigen NO oder O Wind. Ab Cap

Finisterre (NW Spanien) ging es mit beständigem N bis NNO Wind und 5-7

Windstärken nach Lanzarote.

Umso trauriger war, dass ich nach dem gebrochenen Vorstag keinen Spinnaker mehr setzen konnte ?

Auf den Spuren von MacGyver

Das Boot war gut vorbereitet und trotz Kontrollen konnten manche Dinge nicht vorhergesehen werden und mussten á la MacGyver aus der gleichnamigen TV-Serie repariert werden. Im Gegensatz zu den TV-Serien konnte zwar nichts in die Luft fliegen und die Bösewichte hatten keine Kanonen um auf mich zu schießen. Umso wichtiger war das Überleben bis Lanzarote mit Mast und Boot, was durchaus Geist und Körper anregt und für interessante Improvisationen sorgt.

 

Mit abgesägter Schraube und Superkleber konnte der Pinnenausleger für

zumindest einen Tag seine Funktion wieder aufnehmen. Auch die Reparatur der gespannten Staunetze mit Kabelbindern war nett anzusehen und erhöhte die Funktionalität um 100%. Kondome als Spritzwasserschutz für Feuerlöscher und elektronischen Geräten wie Diktaphon gehören ja bereits zum Standard-Repertoire.

 

Blick über den Mini auf den Atlantik (Fotos © Christian Kargl )

Die letzte Nacht - geschüttelt nicht gerührt!

Bei einem Schwell von immer noch 2,5 bis 3 Metern ging es bei abflauenden Winden die Ostküste nach Süden. Knapp ging es um das Nordkap der Hauptstadt Arreceife herum ehe der Wind kurz einschlief und der Schwell den Mini immer näher ans Land trug. Ohne Vorwarnung sah ich in den Augenwinkeln noch zwei Monsterwellen, die gerade zu brechen begannen und Wasserwalzen so hoch wie ein Mini breit ist. Ich konnte mich nur noch Festhalten ehe die erste Welle mich erfasste und das Boot knapp 120% kenterte. Die Zweite Welle warf mich noch weiter an Land während der Mast sich in den Schlamm bohrte und die Antenne sowie den Windanzeiger stutzte.

 

Das sollte es also gewesen sein?!? Langsam kam das Boot wieder auf und nur der immer noch belegten Großschot hab ich es zu verdanken, dass wir langsam wieder aufs offene Meer zusteuerten. Zwei weitere Wellen konnten das Boot zwar noch mal flach aufs Wasser drücken aber keine Schäden mehr anrichten.

 

Bilanz: Funkantenne defekt, Windanzeiger gebrochen, Windmessanlage defekt, das Innere des Bootes wurde gleich einer Waschmaschine durchgewürfelt, kleiner Riss in der Fock.

(www.Segelwelt.at Medienservice )

Christian Kargl

Mini 650 :: GUIZMO

www.transat650.org

 

Lesen Sie dazu auch:

Minis - Internationale Regatten

 

 Seite drucken  |   Seite versenden